Ein Verein gründet sich, um das alte Freibad in Ober-Beerbach wiederzubeleben

Eine private Initiative unter der Leitung von Heinz-Peter Kleinsorge wertet 1995 eine Umfrage unter den Ober-Beerbacher Bürgern aus, wonach wieder jeder Zweite im Sommer im heimischen, 1989 stillgelegten, Schwimmbad baden gehen will. Dafür haben sich spontan 600 Bürger in eine Liste eingetragen, mit der sie die Wiederherstellung des Ober-Beerbacher Schwimmbads befürworten.

Die Gutachten und Kostenvoranschläge der Initiative zur Sanierung der Anlage belaufen sich auf rund 360.000 DM.   Wie die Recherche in den Gemeindeunterlagen zeigte, waren in der Haushaltsplanung der Gemeinde dafür aber über 900.000 DM ausgewiesen, eine Summe, die seinerzeit weder das Verständnis noch eine Mehrheit im Gemeinde- parlament fand. Die Initiative orientierte sich an einem niedersächsischen Modell, bei dem in der Gemeinde Wulfelade bei Hannover das örtliche Schwimmbad von einer Privatinitiative betrieben wird.

Für Samstag, 20. April 1996 um 9 Uhr planen freiwillige Helfer ein Großreinemachen des völlig verwahrlosten Geländes. Es bahnt sich ein Eklat an: Montags zuvor hatte die Gemeindeverwaltung die Veranstaltung untersagt. Die Gemeinde befürchtet finanzielle Ansprüche.

Zum fraglichen Zeitpunkt versammeln sich etwa 25 interessierte Ober-Beerbacher am Schwimmbad, dazu Bürgermeister Cornelius, offizielle Vertreter der Parteien und die Presse. Bürgermeister Cornelius bestätigt zunächst die abschlägige Entscheidung des Gemeindevorstands und bittet die Initiative, den Beschluss zu akzeptieren und von der Aktion Abstand zu nehmen.                                                                                            Nach der Zustimmung der Anwesenden fordert Hr. Cornelius auf, ihn bei den gleich beginnenden Aufräumarbeiten zu unterstützen! Dann öffnet er das Tor zum Schwimmbad und die Arbeit beginnt!

Große und kleine Helfer gehen ans Werk, darunter erfreulich viele Neubürger. Die Liegewiesen werden gereinigt, die Wege freigelegt, die alte Beckenauskleidung beseitigt und die Elektrik auf Funktionstauglichkeit überprüft.           Der Gemeindevorstandsbeschluss, der der Ober-Beerbacher Bürgerinitiative das Betreten des Geländes untersagt hatte, wird am Donnerstag, 25. April 1996, von der Gemeindevertretung mit großer Mehrheit aufgehoben. 

Am 26. April 1996 finden sich 35 Bürger in der Bürgerhalle zur Gründung des

                     Vereins „Schwimmbad am Wäldchen Ober-Beerbach e.V.“ ein.

Sie wollen die Wiederherstellung und den Betrieb des Ober-Beerbacher Schwimmbads in privater Initiative übernehmen.

Zum Gründungsvorstand gehören: Heinz-Peter Kleinsorge, Dieter Kohlmannlehner als Vorsitzende, sowie Kassenwart Elmar Tegethoff, Schriftführer Peter Marburger und Pressesprecher Hans-Jürgen Jensen. Als Beisitzer wurden Peter Plößer und Rolf Hupfer gewählt.

Die Satzung wurde am Beispiel des Vorbilds in Wulfelade/ Niedersachsen entwickelt. Alle 35 Anwesenden haben die Gründungserklärung unterschrieben. Nach den Berechnungen des Vorstandes könnten die entstehenden Kosten und der Kapitalaufwand mit 300 zahlenden Mitgliedern bei einem mittleren Jahresbeitrag von ca. 100 DM finanziert werden.

In den nächsten Tagen beginnt die Mitgliederwerbung, in die auch die Nachbarorte Neutsch, Ernsthofen,Frankenhausen, Nieder-Beerbach und Schmal-Beerbach einbezogen werden. Der Vorstand aktiviert seine Kontakte zur Politik, zu Behörden und zu den Medien, um sich breite Unterstützung zu sichern und die Voraussetzungen für die Detailplanungen zu ermitteln. In persönlichen Hausbesuchen werben Vorstandsmitglieder um Vereinsmitgliedschaften

 Am 16. Mai veranstaltet der Verein einen „Lewwer-Baodedaog“. Angekündigt wird das Fest auf großen Folienresten des alten Schwimmbeckens am Ortseingang und in der Nacht angebrachten Wegemarkierungen im ganzen Ort. Ihre Beseitigung wird in der darauf folgenden Woche zu einem eigenen Arbeitseinsatz, da versehentlich wasserfeste Farbe verwendet wurde.                                                                                        Im leeren Becken spielen die Kinder, die Erwachsenen baden programmgemäß ihre Leber in Kaffee, Limonade, Bier und zum Kälteschutz auch mal in Schnaps. Für den Hunger ist mit Gulaschsuppe vom Kessel, Würstchen und Kuchen vorgesorgt. Damit ruft der Verein „Schwimmbad am Wäldchen“ den Bürgern das alte Schwimmbadgelände wieder in Erinnerung und wirbt entscheidungsfreudige Besucher.

Im Juni 1996 werden neue Pläne erstellt und die Anwohner zur Wiederinbetriebnahme gehört. Auch hier keine Einwände! Der Vorstand kennt in diesen Tagen nur zwei Ziele: Gelände pflegen und Mitglieder werben. Letzteres erweist sich als zeitaufwendiges Unterfangen. „Do schaffe die, die immer do schaffe!“ Es ist ein kleiner, unentwegter und zu allem entschlossener Kreis, der die Schwimmbadruine Schritt für Schritt in einen einigermaßen ansehnlichen Zustand versetzt. Die magische Zahl von 300 zahlenden Mitgliedern, die zur Finanzierung der Sanierung nötig sind, ist gerade mal zur Hälfte erreicht. Ganz clevere Interessenten warten mit ihrer Mitgliedschaft, bis das Bad betrieben werden kann. Das heiße Wetter liefert natürlich viele anschauliche Gründe für die Mitgliedschaft.

Schwimmbad alt

Die Mitgliederwerbung stagniert, es reift die Einsicht, dass eine Wiederinbetriebnahme in diesem Jahr nicht stattfindet. Am Sonntag, den 4. August 1996 lädt der Verein zu einem Frühschoppen ins Schwimmbad ein. Damit erinnert der Förderverein daran, dass noch etwa 100 Mitglieder fehlen, um mit den Renovierungsarbeiten beginnen zu können. Unter der Leitung des Pressereferenten gibt der Verein seine erste Mitgliederzeitung heraus, den „BADESTRAND“.

Am Samstag, den 5. Oktober 1996, beendet der Verein auf seine Art die Badesaison mit einer Mitgliederversammlung und einem offenen Backwettbewerb. Die bisherigen Vereinsaktivitäten wurden auf einem Film festgehalten, der den ganzen Nachmittag über gezeigt wird. Der Vorstand weist darauf hin, dass die Mitgliederzahl inzwischen eine Größe erreicht hat, mit der das Projekt begonnen werden kann. Im ersten Schritt gelte es nun, den Gemeindevorstand detailliert über die Projektierung zu informieren und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu klären. Die anstehenden Arbeiten können von dem kleinen Kreis der Vorstandsaktiven nur mit Mühe bewältigt werden. Diesem Wunsch des Vorstandes schließen sich die Mitglieder an und wählen Rolf Bourgeois und Rainer Daub zu zusätzlichen Beisitzern. In den folgenden Wochen bereiten die Vorstandsmitglieder detaillierte Pläne für die Präsentation vor dem Gemeindevorstand vor.

Anfang November1996 ist es soweit. H.-P. Kleinsorge und H.-J. Jensen präsentieren das Vereinsprojekt vor den Parteien in Seeheim-Jugenheim. Damit will der Vereinsvorstand die Parlamentarier für eine Gemeindebürgschaft zu einem Kredit in Höhe von 250.000 DM gewinnen und es sollen die ca. 12.000 DM, die seinerzeit für den Schwimmbadbus im Gemeindehaushalt angesetzt sind, als Betriebskostenzuschuß des zukünftigen Schwimmbads eingebracht werden. Grundsätzlich wird die Bereitschaft der Bürger begrüßt, eine gemeindliche Aufgabe in Eigenverantwortung zu übernehmen, aber das Ansinnen einer Kreditbürgschaft durch die Gemeinde findet nur geteilten Beifall und muss rechtlich geprüft werden.

Der Winter bricht über die „gepflegte“ Schwimmbadruine herein. Die Zukunft liegt weiter im Unklaren, die Mitgliederzahl ist bis auf vierzig an die gewünschte Größe heran gekommen.

 

In ihrer Sitzung am 21.Februar 1997 beschließt die Gemeindevertretung Seeheim- Jugenheim eine Bankbürgschaft in Höhe von 250.000 DM zu übernehmen, wenn der Schwimmbadverein eine Bürgschaft in gleicher Höhe gegeleistet.  

Die Gemeinde überläßt das Gelände gegen eine Erbpacht und gewährt zehn Prozent der Investitionssumme als Zuschuss Weiter soll der Verein den derzeitigen Etat des Schwimmbadbusses erhalten. Die Wiederinbetriebnahme muss binnen 3 Jahren erfolgen!

Auf der Vollversammlung am Freitag, den 25. April 1997, geht es um die Existenz des Schwimmbadvereins und damit um die Chancen für die Wiederherstellung des Ober-Beerbacher Schwimmbads. Die Mitglieder beschließen, bis zum 23. Mai, Kleinbürgschaften bis zu einer Höhe von 250.000 Mark aufzutreiben.

Nach Ende der Werbefrist sind am 23. Mai nur 75.000 DM an Teilbürgschaften und Spenden zusammengekommen. Das ist etwa ein Drittel der erforderlichen Summe. Nach Lage der Dinge glaubt keiner mehr an eine Realisierung in 1997. Die Stimmung beim Vorstand sinkt trotz Frühlingsbeginn auf winterliche Verhältnisse. Der Versuch im Ort Sponsoren aufzutun ist nahezu aussichtslos, da es zu wenig Gewerbebetriebe gibt.

 

Anfang Juli kommt dass große Aufatmen im Vorstand:.                                                         Uwe Lauer, Gesellschafter der ortsansässigen Firma „Lauer-Isolierungen GmbH“, wirft den Rettungsring. Durch sein finanzielles Engagement mit der Übernahme der gesamten Baukosten, ist das Projekt endgültig gesichert!

Am 7. Juli 1997 beginnt die Schwimmbadfirma mit den technischen Installationen, die innerhalb von zwei Wochen abgeschlossen sind. Norbert Lauer koordiniert die Baumaßnahmen, Wolfgang Schneider, selbst kein Mitglied, installiert die Verrohrung, die Firma Focht stiftet Waschbetonplatten.

Am 30. Juli 1997 gehen der Vorstand und die Helfer „Probebaden“. Nach nur etwa vierwöchiger Bauzeit wird das Schwimmbad am Wäldchen noch in dieser Badesaison eröffnet.

Am Sonntag, den 14. Juni 1998, wird der Badebetrieb im Ober-Beerbacher „Schwimmbad am Wäldchen“ offiziell eröffnet. Um 11 Uhr springen der Vereinsvorsitzende Heinz-Peter Kleinsorge und Ortsvorsteher Klaus Brunner ins frische Nass. Es ist regnerisch und kühl — kein Badewetter in Sicht. Der Schwimmbadverein verbindet damit einen „Tag der offenen Umkleidekabine“, der Eintritt ist frei, damit sich Interessenten ein Bild vom Bad machen können.

Nach fast 10 Jahren können die Ober-Beerbacher wieder im eigenen Bad schwimmen.

Ein Jahr später, am 18. Juli 1998 werden ein Kinderbecken mit Spritzbrunnen, ein Boccia-Feld und am 24.Juli die Solaranlage zur Erwärmung des Beckenwassers in Betrieb genommen

Das „Schwimmbad am Wäldchen“ erlebt in diesem Jahr seinen ersten Vollbetrieb. Der Sommer ist witterungsmäßig kühl und unbeständig. Aber sobald die Sonne herauskommt, finden sich Badewillige ein. Die Wasservorwärmung leistet hervorragende Dienst, leider schrecken die Außentemperaturen bei bedecktem Himmel vom Schwimmen ab.

Chronik

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